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Vom Erzgebirge nach Hohenhameln – Der Neubeginn der Familie Steinbach
Im April 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, lag Ungewissheit über dem Land. In Hohenhameln bewegten sich bereits amerikanische Truppen durch die Hauptstraße. Auf einem der Höfe stand ein Mann in SS-Uniform – der junge Offizier Christian Steinbach, erschöpft, auf der Flucht.
Käte Backhaus, die Hofbesitzerin, erkannte die gefährliche Lage. Mit Mut und Mitgefühl überließ sie Steinbach einen bürgerlichen Anzug, um ihn vor dem Zugriff der einrückenden Truppen zu schützen. Dieser Moment sollte weitreichende Folgen haben.
Die Produktion nach dem Krieg begann in freien landwirtschaftlichen Räumen. Dann auch Räumen von Gasthaus Handelmann, später Kammer. In dem Gasthaus befindet sich heute der Grieche Achillion.
Später fand Christian Steinbach eine leerstehende Halle auf dem Gelände der Hohenhamelner Molkerei, die zu dieser Zeit noch in Betrieb war und erst in den 1960er Jahren ihre Tätigkeit einstellte. In diesem Gebäude – unauffällig und doch voller Möglichkeiten – eröffnete er seine erste kleine Werkstatt für Holzgalanteriewaren, kunstvoll gearbeitete Gegenstände aus Holz. Damit legte er den Grundstein für das, was später als Steinbach Volkskunst GmbH Weltruf erlangen sollte.
In den 1960er Jahren wurde die Produktion in die ehemalige Mädchenschule in der Dorfmitte verlegt, ein damals bereits leerstehendes Gebäude mit deutlich besseren räumlichen Voraussetzungen. Die neue Fabrik bot endlich Möglichkeiten zur Expansion, zur Einstellung weiterer Mitarbeiter und zur Einrichtung spezieller Werkstätten für Schnitzerei, Bemalung und Endmontage. Der Schritt war entscheidend für das weitere Wachstum des Unternehmens.
Tradition trifft Neuanfang
Die Geschichte der Familie Steinbach reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Ihre Wurzeln liegen in Österreich, wo sie als angesehene Familie von Händlern, Richtern und Gelehrten bekannt war. Ein prominenter Vorfahr war Erwin V. Steinbach, Architekt am Straßburger Münster – ein Sinnbild für das kreative und technische Können, das sich durch die Generationen zog.
Durch Kriege und religiöse Verfolgung verschlug es die Familie schließlich ins Erzgebirge, wo sie sich der Holzverarbeitung zuwandte. In einer kargen Region, geprägt vom Bergbau, wurde das Schnitzen von Nussknackern und Räuchermännchen zur Lebensgrundlage – und zur Kunstform. Die Steinbachs entwickelten einen eigenen Stil und wurden Teil der angesehenen „Männelmacher-Zunft“. Ihre Figuren fanden Eingang in viele Stuben und wurden zu kleinen Hoffnungsbringern in dunkler Zeit.
Kunst aus Hohenhameln – Handmade in Germany
Der Verlust ihres Werkes im Erzgebirge und die Flucht nach Hohenhameln hätten das Ende dieser Tradition bedeuten können. Doch Christian Steinbach sah darin einen Anfang. Mit handwerklichem Können, unternehmerischem Gespür und unermüdlicher Leidenschaft baute er sich in Niedersachsen eine neue Existenz auf.
Heute steht die Steinbach Volkskunst GmbH für über 200 Jahre erzgebirgische Handwerkskunst. Jedes Stück wird „Handmade in Germany“, mit Sorgfalt und Hingabe, aus feinsten Materialien gefertigt – Nussknacker, Räuchermänner und Miniaturen, die nicht nur Tradition bewahren, sondern sie lebendig fortführen.
Im Frühjahr 2016 ging das Unternehmen in die Insolvenz. Der Standort Hohenhameln wurde geschlossen und im früheren Standort Marienberg (Erzgebirge) wurde die Produktion wieder aufgebaut.
Einer der letzten Nussknackerentwürfe war die Figur eines Hohenhamelner Oberbürgermeisters, gekleidet in der traditionellen Tracht eines Oberbürgermeisters vom Club der Oberbürgermeister von 1954. Auch fertigte die Fa. Steinbach über viele Jahre die Orden der Oberbürgermeister für die traditionelle Rosenmontagsveranstaltung.
Besonders in den USA ist die Holzkunst von Steinbach zu einem echten Kultobjekt geworden: Sammler und Liebhaber schätzen die Qualität, den Detailreichtum und den Charme dieser handgefertigten Figuren. Weihnachtsmärkte, Fachgeschäfte und private Sammlungen in Nordamerika tragen heute den Namen Steinbach – ein Zeichen dafür, wie weit der Weg aus dem beschaulichen Hohenhameln führte.
So beginnt eine neue Geschichte manchmal mit einem geliehenen Anzug – und einem leerstehenden Gebäude auf dem Gelände einer noch arbeitenden Molkerei.
Quelle und weitere Informationen: https://www.steinbach-volkskunst.com/steinbach-erleben/




